KÖLNER TALENT // Kerstin Gerhards – Künstlerin


Text & Interview: Nicole Görn   ♦   Fotos: Kai Stefes ◊ www.kaistefes.de

Kerstin Gerhards

Schwarz und Weiß: Typisch männlich, typisch weiblich?

„Eine tolle Atmosphäre und eine phantastische Location.“ So beschreibt Kerstin Gerhards das Projekt „Hug me, Heimlich“, das im April 2010 in den Rheinlandhallen in Köln Ehrenfeld stattgefunden hat und in dessen Rahmen wir auf sie aufmerksam wurden. „Mir hat die Teilnahme viel Freude bereitet und ich konnte viele interessante Kontakte knüpfen.“

Eine hübsche und zarte Frau öffnet uns an einem sonnigen Maitag die Tür eines Kölner Altbaus. Schon der Aufstieg über das Treppenhaus wirkt ein wenig geheimnisvoll, verzaubernd – und verzaubert hat auch sie uns, Kerstin Gerhards.

Sie zog von Bonn nach Köln, des Studiums wegen. Ihren Abschluss zur Kommunikationsdesignerin macht sie 2008 an der ecosign Akademie für Gestaltung – mit Ehrenurkunde. Auch verschiedene Preise hat sie bereits erhalten, doch darüber redet die bescheidene Künstlerin nicht. Sie arbeitet als freie Grafikerin und doziert heute an der ecosign Akademie in Köln.

Kerstin Gerhards hat für das Jugendzentrum Anyway in Köln gearbeitet, das die Interessen von jungen Lesben und Schwulen vertritt und Fragen der Geschlechternorm thematisiert. „Was ist typisch männlich, was typisch weiblich? Was macht mein Körper mit mir?“

„Ich mag die Arbeit mit jungen Menschen besonders gern, ich schätze ihre Offenheit. Es kommt vor, dass einer der Jugendlichen sehr deutlich mitteilt, dass er oder sie nicht neben einem Schwulen oder einer Lesbe sitzen möchten. Das muss man akzeptieren. Wichtig ist es die richtige Frage zu stellen: Warum möchtest du das nicht? Nur so kann sich ein Dialog entwickeln und Aufklärung geleistet werden. Es geht darum Stereotype aufzubrechen, mit Aufklärung Toleranz zu schaffen. Aber auch die Arbeit mit alten Menschen finde ich sehr spannend, sie sind häufig viel toleranter, da sie in ihrem Leben bereits viel Intoleranz erfahren mussten.“

Sicher ist es kein Zufall, dass die Arbeiten von Kerstin Gerhards die Themen Identität und Körperlichkeit in den Fokus stellen. Ihre Arbeit mit den Jugendlichen sowie ihre eigenen Erfahrungen tragen dazu bei. „Corpus Delicti“ ist der Titel ihrer Diplomarbeit in der das Thema Geschlechtlichkeit, von ihr nicht nur filmisch, sondern auch illustrativ umgesetzt wurde.

Interview

Kerstin, wie würdest du deine Arbeiten selbst beschreiben?
Eigentlich bin ich ja Grafikerin, meine Arbeiten sind daher sehr konzeptionell. In Bezug auf das Thema meiner Diplomarbeit war mir besonders wichtig darzustellen wie sich Verletzlichkeit und Stärke ausdrücken lassen – unabhängig vom normativen Geschlechterrollendenken. Daher tragen die beiden Hauptakteure, ein Mann und eine Frau, einen Ganzkörperanzug, der biologische Geschlechtsmerkmale nicht erkennen lässt. Es geht dezidiert um die Frage „Wer bin ich?“

Wie bist du zu deinem heutigen Beruf(ung) gelangt? Gibt es jemanden der dich unterstützt hat, deine Kunst gefördert hat?
Meine Eltern – mein Vater ist studierter Jurist, hat aber immer in seiner Freizeit gezeichnet. Meine Mutter ist gelernte Bauzeichnerin. Beide sind große Vorbilder für mich, da sie sich immer auch für andere einsetzen. Mein Vater ist hierfür in die Politik gegangen, meine Mutter war sehr im Kinderschutzbund engagiert. Beide haben mich nie unter Druck gesetzt eine Entscheidung zu treffen. Mir war zwar klar, dass ich etwas Kreatives, Künstlerisches machen möchte, nur wusste ich nie genau was. Ich habe zwei Semester Philosophie und Politikwissenschaften studiert und in den Vorlesungen immer gezeichnet, da war mir klar was es sein wird und ich wechselte zur ecosign Akademie.

Wo entstehen deine Ideen?
Meistens ist es unter der Dusche.

Du bist in Bonn geboren, was hält dich in Köln?
Auch wenn es sich merkwürdig anhört, ich mag Köln, weil es eine dreckige Stadt ist, sie ist unaufgeräumt. Köln ist einfach liebenswert chaotisch. Die Rheinländer sind sehr offen, das sagt auch mein Kioskmann, der gebürtig aus dem Iran stammt, man kommt schnell rein.

Welche Veränderungen für Köln würdest du dir wünschen?
Einen größeren Austausch zwischen den einzelnen Stadtteilen und unterschiedlichen sozialen Schichten. Ich glaube, dass aus solchen Zusammentreffen viel positive Energie genutzt werden kann.

Abgesehen von deinen Eltern natürlich, gibt es ein berühmtes Vorbild in deinem Leben?
Künstlerisch und auch als Mensch, hat mich die Arbeit von der Tänzerin und Choreografin Pina Bausch stark beeindruckt. Vor allem ihre Arbeit mit Jugendlichen, die über ein gemeinsames Tanzprojekt zueinander finden und Konventionen und kulturelle Differenzen dabei hinter sich lassen. Ich finde ihre Arbeit sehr sensibel und authentisch.

Welches Buch liest Kerstin Gerhards zur Zeit?
Das Parfüm
– es ist bestimmt so was wie eine Standardlektüre und sicher hat es schon jeder gelesen, egal – ich find es toll. Die Detailtreue und die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen sowie die Welten die sich daraus ergeben berühren mich sehr.

Wir danken Kerstin Gerhards für das offene und äußerst sympathische Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg.

Arbeiten von Kerstin Gerhards sind auf ihrer Homepage hinterlegt: www.zackpuffpeng.de

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Fotos: © 2010, by Kai Stefes für GLEICH www.kaistefes.de

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