Beiträge vom August 2009

INTERVIEW // Werle & Stankowski

10/08/2009 · Kommentar schreiben

johannstankowski
Interview: Dennis Bigell / Foto: Andrea Erismann

»Du kannst ja nicht die Leiche ficken bis alles auseinander fällt!« Nach vier überaus erfolgreichen Jahren geben Werle & Stankowski unerwartet ihre Auflösung bekannt. Wir trafen Johann Ende Januar vor dem Abschiedskonzert im Subway und führten ein letztes Interview.

Auf der Myspace-Seite steht, dass ihr keine Lust mehr auf Konsens und Diskurs habt. Soll heißen…?
Wir haben jetzt 4 Jahre gespielt und das war auch ein fruchtbares Projekt, das uns total Bock gemacht hat, aber man kann sich ja nicht ewig in einem Konsensuniversum aufhalten.

Alles nur Konsens?

Nein! Bei Werle & Stankowski waren es etwa 80 %, bei denen wir beide mitgegangen sind und der Rest war auch harte Kompromissarbeit. Simon macht jetzt Techno und damit habe ich mal einfach nichts zu tun. Wir wollen uns jetzt verwirklichen und das machen, was jeder selbst will.

Und was gab Anlass zum Diskurs?
Es war schon gleichberechtigt, aber Simon ist ja auf seinem Gebiet ein Maestro und da würde mir im Traum nicht einfallen ihn beschneiden zu wollen. Er hat ja durch seine Setups, seine Arrangements viel für das Gesicht unserer Musik getan. So komplexe Beats, die Sets halt, der Sound. Das ist unnormal! Selbst bei so aktuellen Dance- und Elektroproduktionen sehe ich nur wenig was an Simon ran kommt.

Wie hat eure Zusammenarbeit damals eigentlich begonnen?

2004 hatte ich hier und da Sologigs und Simon ist dann dazugekommen um die Beats zu machen. Die Leute nahmen das direkt sehr euphorisch an und wir sind dann relativ schnell auf eine supportende Welle gestoßen, wir mussten gar nicht so im Kleinkosmos spielen und waren somit ziemlich schnell auf einem für uns schönen Level.

Wodurch Virgin (EMI) ziemlich schnell auf euch aufmerksam wurde und auch sofort unter Vertrag genommen hat. ..
Ja, wir dachten, boah das ist ja unglaublich! Wir hatten ja nie vor, damit so durchzustarten. Da waren grade Mattafix oder Gnarls Barkley aktuell. Also viele solcher halbelektronischer Duos.Und sie wollten mit uns auch so ein riesen Ding aufziehen. Durch die Musikkrise ist Virgin dann handlungsunfähig geworden und wir sind da genau mit unserer Platte reingekommen. Durch ihren Quasitod sind wir jetzt wieder frei und machen nun das, wozu wir wirklich Lust haben.

Es wurde euch angeboten in China zu spielen. Warum hat es nie geklappt?
Ja, dreimal schon. Es wäre auch fast dazu gekommen, aber beim ersten Mal ist Jeans Team vorgezogen worden, was aber weniger an uns als an der Präferenz des chinesischen Goethe Instituts lag. Und beim zweiten Mal letztes Jahr im Oktober, kam mein Kind zur Welt. Das war mir dann doch wichtiger!
Zuletzt hat mich Philipp Grefer nochmals für diesen Sommer angesprochen. Da musste ich ihm leider sagen, dass es kein Werle & Stankowski mehr geben wird. Du kannst ja nicht die Leiche ficken bis alles auseinanderfällt! Man muss ja auch so cool sein und einen Schlussstrich ziehen. Egal wie schön es mit China auch wäre. Jetzt, so eine Hardcorewoche mit W&S, die es ja eigentlich nicht mehr gibt, in einer total überzivilisierten Amokstadt?! Ich finde, das ist nicht so richtig machbar. Man muss aufrichtig sein, wir spielen ein Abschiedskonzert und sagen Dankeschön und auf Wiedersehen. Ich bin doch nicht Howard Carpendale und sage dann jedes Jahr: Hey, ich bin doch wieder da! Das funktioniert nicht.

Will Simon jetzt direkt solo weitermachen oder doch eher eine Pause?
Ich glaub‘ er schnüffelt halt gerade so ein bisschen, legt mit dem Techno DJ Simon² auf der »Loonyland« auf und macht so Technotracks. Mit Andreas Koyama, das ist auch ein Singer-Songwriter, macht er Musik auf deutsch. Er probiert sich halt aus.

Du bist im Oktober Vater geworden, gratuliere! Wie sehr beeinflusst dich dein Sohn in deiner Musik und was bekommen wir in Zukunft von dir zu hören?
Ja, seitdem das Kind da ist, mache ich jetzt auch mehr Musik. Ich gehe jeden Tag mit ihm raus spazieren und das macht mir bewusst wie wertvoll die Zeit ist, die einem zur Verfügung steht. Die Platte ist zwar noch nicht fertig aber so wie es aussieht, wird es eher eine sehr akustische Platte, ohne Beat, mit viel Mehrstimmigkeit, viel analogen, alten Synthesizern und Bandecho. Es soll eine sehr organische, lebendige Platte werden.

Geht es jetzt wieder zurück zu Haute Areal? Da gibt es ja eine starke Verbindung.
Haute Areal ist das beste Label der Welt wenn es um die Freundlichkeit und auch die Repräsentation nach Außen angeht. Aber so weit ist es ja noch gar nicht. Erstmal muss die Platte gut sein und dieses ganze Heckmeck drumherum mit der Geldverdienerei kommt dann irgendwann. DENN AUCH HAUTE AREAL BRINGEN NICHT JOHANNES STANKOWSKI RAUS, NUR WEIL DIE MICH SO NETT FINDEN.

Aber doch so sehr, dass die »Fünf Freunde« das Haute Areal Tattoo tragen. Wie kam es dazu?
Ja, das war vor anderthalb Jahren nach dem letzten Konzert unserer Tour im Underground. Es war ausverkauft, wir waren sturzbetrunken und vertrippt! Wir waren mit Haute Areal so in Liebe. Der Tattoo-Shop liegt ja genau neben dem Underground und da kamen eben alle als totale Wracks an. Er wollte eigentlich gerade Feierabend machen, wir legten 200 € auf dem Tisch und er sagte: »Dann setzt euch eben hin.« Ich bereue es nicht! Fred, Florian Maier, Chris, der Casper Hagen und ich tragen jetzt das Tattoo – alles so Haute Areal Freaks.

Wo nimmst du deine neue Platte auf?
Es gibt da jetzt so eine neue Studiowelt. Der Dan, der Ex-Drummer von Chester und Manager von Timid Tiger, ein bunter Hund in der Kölner Szene, hat eine Studiolandschaft als Hauptmieter in Zollstock aufgezogen. Viele Produzenten und Bands haben ihre Studios und Proberäume dort. Ich teile mir den Proberaum mit Von Spar. Die haben diese analogen Synthesizern, von denen ich auch total profitiere. Timid Tiger machen momentan ihre Platte dort fertig, die Kilians und Olli Banjo auch, und was weiß ich wer noch.
Da kommen die ganze Zeit irgendwelche Leute rein. Matthias Reim war letztens da und ich dachte, wo bin ich denn hier gelandet? Oder die Bläck Fööss sind auch ständig da. Da steht eine Kaffeemaschine und ein Billiardtisch, man trifft sich und hat Spaß, labert rum, wie jeet et und so. Das ist sehr angenehm. Für mich ist es auch wichtig, dass ich nicht Zuhause mein Studio habe, sondern raus bin und nicht so schnell abgelenkt werde.

Wir wollen nun auch nicht weiter ablenken und verabschieden uns von Werle & Stankowski. Vielen Dank!


Foto: © 2009, by Andrea Erismann für GLEICH

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Kategorien: 02 // MUSIK
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